Agilität ist keine Sozialromantik, sondern knallharte kapitalistische Denke

Kennen Sie die Automatisierbarkeit Ihres Jobs? Glauben Sie daran, dass man Sie in ein paar Jahren auch noch brauchen wird? Über die Folgen der Digitalisierung diskutierten auch die Teilnehmer des Weltwirtschaftsforums in Davos Ende Jänner. Jack Ma, Gründer von Alibaba, warnte dabei wiederholt davor, dass die Digitalisierung Jobs vernichten und zu sozialen Unruhen führen werde (derstandard, 25.01.19).  Das wird Realität werden, wenn wir Agilität blauäugig umsetzen! 

Megatrend New Work

Manchmal frage ich mich an wen Frithjof Bergmann dachte, als er den Grundstein seiner Theorie legte. Bergmann ist Begründer der New Work-Bewegung, einer Initiative, die für Handlungsfreiheit und Selbständigkeit im Arbeitsleben steht. „Tun, was man wirklich, wirklich will“, sieht Bergmann dabei als Schlüssel – nicht nur zum erfüllten Berufsleben, sondern auch zur effizienten Arbeitskraft. Glückliche Arbeitnehmer, das weiß man mittlerweile, sind deutlich effizienter, zuverlässiger und auch selbstverantwortlicher. Für wen aber startete Bergmann seine Initiative? Wollte er mehr glückliche Menschen oder produktivere Arbeitskräfte? Ging es ihm um die Arbeitskraft oder um den Shareholder? 

Agilität als Mittel zum kapitalistischen Zweck

Während ich Bergmann humanistische Absichten keineswegs absprechen möchte, sehe ich in der agilen Bewegung nur ein auf den ersten Blick anmutendes humanistisches Gedankengut. Bei genauerer Betrachtung entpuppt sie sich als das, wofür sie bereits in ihren Ursprüngen gedacht gewesen war: als adäquates Mittel um kapitalistische Ziele zu verfolgen! Der ursprüngliche Gedanke Agilität in Unternehmen zu forcieren, war rein kapitalistisch motiviert. Es ging darum, in Zeiten einer wirtschaftlichen Stagnation in Amerika die Leistungsfähigkeit von Unternehmen und nicht das Wohlbefinden der arbeitenden Menschen zu erhöhen. Die Menschen fungierten dabei lediglich als Betriebsmittel für einen höheren volkswirtschaftlichen Zweck. Dieses Leit-Motiv gilt auch heute noch: Es geht darum, den Menschen möglichst leistungsfähig zu machen – wenngleich der moderne Weg auch über Selbstbestimmung, Sinnerfüllung und Weiterentwicklung führt.  

Buchtipp:
DIE AGILITÄTSFALLE

Stabil sein – Agil Arbeiten

Thomas Würzburger zeigt in der „Agilitätsfalle“ auf, welche Fehlannahmen und Fallstricke der Agilitätsbewegung zugrunde liegen und beschreibt zugleich die unerfreulichen Konsequenzen für den Menschen, wenn man Agilität zu Ende denkt. Er erzählt dabei aus seinem Erfahrungsschatz und zeigt authentisch Parallelen zwischen erlebten Eruptionen und aktuellen Disruptionen in unserer Wirtschaft.

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Unternehmen, die konsequent agil agieren, haben es verstanden, den arbeitenden Menschen und seine Bedürfnisse in den Fokus zu rücken, aber nicht des Menschen wegen, sondern um Leistung, Innovationskraft und kreatives Potential im Unternehmen zu steigern. Diese Unternehmen treibt aber nicht ein humanistischer Grundgedanke. Diese Unternehmen agieren intelligent, sie haben verstanden, dass zufriedene Mitarbeiter die produktiveren sind. Sie haben von Vorzeigeunternehmen wie Google gehört, dass die innovativsten Ideen des Unternehmens in jener Zeit entstanden, die Google seinen Mitarbeitern gewährt, um (jenen unternehmensspezifischen) Themen nachzugehen, die Mitarbeiter besonders interessieren. Diese Unternehmen bewunderten die Umsatzzahlen von Unternehmen wie Zalando, UBER, Microsoft oder Southwest Airlines und fragten dann nach dem Wie. Mitarbeiterorientierung, Selbstorganisation, neue Arbeitsweisen und Methoden sind nicht der ultimative Zweck, sondern wieder nur Mittel, um letztlich als System wirtschaftlich erfolgreich zu sein. 

Das Prinzip der Austauschbarkeit – auch Thema am Weltwirtschaftsforum in Davos

Wo liegt das Problem, wenn doch etwas Gutes dabei rauskommt? Wenn ich das Konzept der Agilität, dem maximaler Kundennutzen und höchste Effizienz zugrunde liegen, weiterspinne, dann wird für mich der Mensch vor allem eines: fungibel und austauschbar! In Zeiten von Robotern und Künstlicher Intelligenz bekommt dieses Prinzip der Austauschbarkeit eine völlig neue Dimension. Darauf wies auch Jack Ma am Weltwirtschaftsforum in Davos hin. „Die Digitalisierung werde Jobs vernichten“ sagte er (derstandard, 25.01.19).  Unterscheiden sich auch die Prognosen über das Ausmaß des Automatisierungsgrads der Arbeit, herrscht doch Konsens darüber, dass Teile menschlicher Arbeit von Robotern und künstlichen Systemen ersetzt werden. Alles andere wäre ganz einfach auch konträr jeder kapitalorientierten Denke. Wir wissen, dass die Kosten für Arbeit seit Jahren kontinuierlich steigen, während die Kosten für Roboter sinken. Zudem machen die Weiterentwicklungen auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz und Robotics den Einsatz von Robotern auch immer einfacher und flexibler – von der Qualitäts- und Effizienzsteigerung gar nicht erst zu sprechen. Längst können Algorithmen Röntgenbilder mit einer höheren Treffsicherheit auswerten als Ärzte und neuronale Systeme genauere Auskunft geben über den Wartungszustand von Kraftwerken oder Turbinen wie Ingenieure. Die Digitalisierung ist angekommen – in fast allen Berufsgruppen, nicht nur bei Hilfsarbeiten, Maschinenbedienern und Handwerkern. 

Agile Systeme unterstützen Austauschbarkeit 

Agile Systeme unterstützen diese Austauschbarkeit, indem sie auf maximale Kundenorientierung und Effizienz ausgerichtet sind. Dabei wird die Relativierung von Macht und Status, wie sie in agilen Organisationen versucht wird zu leben, auch vor der Gleichbehandlung von Mensch und Roboter nicht Halt machen. Wenn ich Agilität zu Ende denke, dann sehe ich nicht mehr den Menschen im Mittelpunkt, sondern das ungewisse Etwas, das Kundenorientierung und Effizienz am besten bewerkstelligen kann. Wenn ich Agilität zu Ende denke, sehe ich ein höchst kapitalistisches System mit neuen Säulen der Macht, getarnt hinter dem Buzzword „agil“, das nur im ersten Anschein eine auf Werten basierende soziale und humanistische Haltung aufweist. Wenn ich Agilität zu Ende denke, dann gefällt mir das ganz und gar nicht. Agilität ist da und sie ist gut – in vielen Bereichen und in vielen Situationen.Wir dürfen aber dabei nicht vergessen, dass Agilität immer nur das Mittel ist, das effizient einen womöglich sehr fragwürdigen Zweck verfolgt. 

Mehr dazu lesen Sie in meinem neuen Buch: „Die Agilitätsfalle – Wie Sie in der digitalen Transformation stabil arbeiten und leben können“ 

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Quellen:

derstandard (Hrsg): Dritter Weltkrieg und andere Apokalypsen beschäftigen Davos. Aufgerufen am 29.01.19, https://derstandard.at/2000097005673/Dritter-Weltkrieg-und-andere-Apokalypsen-beschaeftigten-Davos

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